Wenn sich das Hobby verschiebt

Wenn sich das Tabletop-Hobby verschiebt

Manchmal merkt man Veränderungen erst, wenn man einen Schritt zurücktritt und darüber nachdenkt.

Bis letztes Jahr hatten wir einen festen Donnerstagabend. Jede Woche traf sich eine kleine Gruppe bei mir zuhause zum Tabletop-Wargaming. Der Ort war naheliegend: Ich habe den Platz. Gelände, Spielfelder, Miniaturen und alles, was man für einen gemütlichen Spieleabend braucht, sind ohnehin bei mir vorhanden. Je nach Woche waren wir zwei bis sechs Leute, einmal sogar acht Spieler gleichzeitig auf vier Spielfeldern in zwei Räumen.

Das war eine tolle Zeit.

Tabletop-Spiele waren damals der Mittelpunkt meines Hobbys. Star Wars Legion, Grimdark Future, Freebooter’s Fate und Moonstone oder auch mal andere Systeme zum Ausprobieren – regelmäßig wurde gespielt. Und weil regelmäßig gespielt wurde, hatte ich ständig neue Projekte. Neue Einheiten wurden bemalt, Gelände gebaut oder bestehende Armeen erweitert. Es gab immer einen Grund, sich an den Basteltisch zu setzen.

Dann kam die Spielhöhle.

Seitdem ich den Laden habe, hat sich mein Alltag verändert. Der Donnerstagabend, wie wir ihn kannten, existiert praktisch nicht mehr. Nicht, weil niemand mehr Lust hätte, sondern weil die Zeit knapper geworden ist. Nach einem langen Tag im Laden fehlt oft die Energie für einen kompletten Tabletop-Abend. Gelegentlich spielen wir noch nach Ladenschluss eine kleine Runde im Geschäft, aber längst nicht mehr so regelmäßig wie früher.

Fast unbemerkt kam noch eine zweite Veränderung dazu.

Im Herbst und Winter haben wir angefangen, Trading Card Games auszuprobieren. Erst ein bisschen Magic, dann andere Kartenspiele. Einfach aus Neugier. Die Spielergruppe blieb dieselbe, nur die Spiele änderten sich langsam.

Wenn sich das Tabletop-Hobby verschiebt

Und irgendwann hat es Klick gemacht.

Aus gelegentlichen Kartenspielen wurden regelmäßige Kartenspiele. Aus regelmäßigen Kartenspielen wurde unser Standardprogramm.

Heute treffen wir uns, wenn überhaupt, meist zum Kartenspielen.

Eigentlich ist das nicht überraschend. Trading Card Games sind unkompliziert. Ein Deck, ein paar Marker, vielleicht Würfel und eine Spielmatte – mehr braucht es nicht. Alles passt in eine kleine Tasche. Man kann spontan spielen, braucht wenig Aufbau und ist schnell fertig.

Tabletop ist anders.

Für einen Tabletop-Abend müssen Miniaturen transportiert werden. Oft kommen Regelbücher, Marker, Würfel, Messwerkzeuge und weiteres Zubehör dazu. Das ist kein riesiges Problem, aber eben deutlich mehr Aufwand. Der eigentliche Aufbau dauert länger und die Hürde, spontan eine Partie zu spielen, ist höher.

Das Interessante ist aber, dass diese Veränderung noch weitere Folgen hat.

Weil weniger Tabletop gespielt wird, baue ich weniger Gelände. Weil weniger Tabletop gespielt wird, male ich weniger Miniaturen an. Nicht weil mir diese Dinge keinen Spaß mehr machen würden, sondern weil mir oft der unmittelbare Anlass fehlt.

Bei mir hängen die verschiedenen Teile des Hobbys stark zusammen. Wenn ich regelmäßig Star Wars Legion spiele, möchte ich neue Einheiten ausprobieren. Also werden Miniaturen bemalt. Vielleicht entsteht sogar neues Gelände für besondere Szenarien. Ein Projekt zieht das nächste nach sich.

Wenn aber weniger gespielt wird, verlagert sich auch die Motivation.

Das bedeutet nicht, dass das Hobby verschwunden ist. Im Gegenteil. Die Leidenschaft für Miniaturen, Gelände und Tabletop ist immer noch da. Sie steht momentan nur nicht im Mittelpunkt.

Vielleicht ist das auch völlig normal.

Hobbys verlaufen selten geradlinig. Es gibt Phasen. Manchmal ist man tief in einem Thema versunken, manchmal zieht einen etwas anderes stärker an. Heute sind es Trading Card Games, morgen vielleicht wieder Star Wars Legion oder ein neues Geländeprojekt.

Und ganz ehrlich: Ein Teil von mir vermisst die regelmäßigen Donnerstagabende schon.

Nicht nur wegen der Spiele selbst, sondern wegen der Atmosphäre. Mehrere Spielfelder gleichzeitig, Würfelklappern, bemalte Armeen und verrückte Geschichten, die nur beim Tabletop entstehen können.

Wenn sich das Tabletop-Hobby verschiebt

Vielleicht kommt diese Phase irgendwann zurück.

Die Miniaturen laufen schließlich nicht weg. Und wenn ich ehrlich bin, ist das Tabletop auch nie wirklich verschwunden.

Der große Unterschied ist heute, dass ich viel weniger selbst spiele. Dafür sehe ich mehr Menschen spielen als jemals zuvor.

Seit es die Spielhöhle gibt, wird regelmäßig gespielt. Trading Card Games machen zwar den größten Teil aus, aber auch Tabletop-Wargames und Rollenspiele haben ihren festen Platz gefunden. Besonders schön finde ich, dass sich Formate etabliert haben, die es früher in meiner privaten Runde gar nicht gab. Fast jeden Freitag trifft sich mittlerweile eine Gruppe zu Freebooter’s Fate. Dazu kommen regelmäßig Warhammer-Spieler, Star Wars Legion erlebt gerade wieder einen kleinen Aufschwung und zwischendurch wird auch immer wieder Moonstone ausgepackt.

Eigentlich könnte ich mich darüber freuen und einfach mitspielen.

In der Praxis funktioniert das allerdings nicht.

Das habe ich am Anfang tatsächlich versucht. Aber sobald die Ladentür aufgeht, bin ich gedanklich nicht mehr Spieler. Ich möchte die Leute begrüßen, Fragen beantworten, Neuankömmlinge kennenlernen und natürlich auch kassieren. Vor allem bin ich neugierig.

Ich liebe es, wenn jemand sein aktuelles Projekt zeigt. Bemalte Miniaturen, neue Armeen, Umbauten oder Geländeideen. Oft entstehen daraus Gespräche über Spiele, Fraktionen oder kommende Projekte. Genau diese Begegnungen machen für mich einen großen Teil der Spielhöhle aus.

Dadurch spiele ich zwar weniger selbst, aber gleichzeitig bekomme ich viel mehr von dem Hobby um mich herum mit.

Besonders schön ist dabei etwas, womit ich ursprünglich gar nicht gerechnet hatte.

Die Leute spielen auf meinem Gelände.

Viele bringen ihre Armeen mit, manche auch eigene Spielmatten oder Gelände. Aber die aufwendig gestalteten Spielplatten in der Spielhöhle werden sehr gerne genutzt. Das freut mich jedes Mal aufs Neue.

Die meisten Spieler haben zuhause praktische und funktionale Spieltische. Eine schöne Spielmatte mit Fotodruck, dazu ausreichend Gelände, um eine gute Partie zu spielen. Daran ist überhaupt nichts auszusetzen.

Ich selbst hatte aber schon immer einen Hang dazu, ein bisschen weiterzugehen.

Mich interessiert weniger die reine Spielfläche und mehr die Frage, welche Geschichte ein Spieltisch erzählen kann. Wie fühlt sich eine verlassene Raumstation an? Welche Atmosphäre erzeugt eine überwucherte Pirateninsel? Wie verändert sich eine Partie, wenn das Gelände nicht nur Hindernis ist, sondern Teil der Welt wird?

Genau dieses Weltenbauen war eigentlich schon immer der Kern meines Hobbys.

Deshalb hieß mein YouTube-Projekt damals auch Weltenbauer Club.

Der Kanal ist inzwischen eingeschlafen. Nach einigen Jahren wurde der Aufwand immer größer und die Ergebnisse immer kleiner. Aber die Begeisterung für das eigentliche Thema ist geblieben.

Vielleicht sogar mehr als zuvor.

Denn mittlerweile sehe ich, wie andere Menschen die Welten nutzen, die ich gebaut habe.

Ich beobachte Spieler, die Deckung suchen, Gebäude erkunden, Wege entdecken oder Geländestücke völlig anders einsetzen, als ich es ursprünglich geplant hatte. Manche Kombinationen und Spielsituationen hätte ich mir beim Bauen niemals ausgedacht.

Im Grunde ist das eine Art Playtesting.

Nicht für Regeln, sondern für Gelände.

Man baut etwas mit einer bestimmten Idee im Kopf und sieht später, wie andere Menschen damit umgehen. Was funktioniert. Was nicht funktioniert. Welche Details genutzt werden und welche völlig übersehen werden.

Dieses direkte Feedback gibt mir unglaublich viel.

Es erinnert mich daran, warum ich überhaupt angefangen habe, Gelände zu bauen.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich in letzter Zeit wieder mehr Lust bekomme, selbst aktiv zu werden. Nicht mehr in dem Umfang wie früher, aber in einem gesunden Maß. Hier ein neues Geländestück, dort ein kleines Bauprojekt, vielleicht wieder eine neue Platte oder ein paar Details für bestehende Spieltische.

Vor allem aber wächst wieder die Lust, selbst häufiger Tabletop zu spielen. Die Begeisterung dafür war nie weg. Sie hat nur eine Zeit lang darauf gewartet, wieder geweckt zu werden.

Jetzt muss ich nur noch die Zeit dafür finden.

Wenn sich das Tabletop-Hobby verschiebt